Ursachen, Risiken & baubiologische Lösungen

Muffiger Geruch & Schadstoffe im Fertighaus (Baujahre ca. 1960–1990)

Ein charakteristischer, leicht stickig-muffiger Geruch, der selbst nach stundenlangem Lüften nicht verfliegt & schwer in der Kleidung haften bleibt: Wer ein Fertighaus aus den Baujahren 1960 bis 1990 besitzt oder besichtigt, stößt häufig auf dieses Phänomen. Doch der Geruch ist meist nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter verbergen sich oft „historische“ Holzschutzmittel & andere flüchtige Substanzen, die vorrangig die Gesundheit, aber auch den Immobilienwert belasten können.

Fertighaus Schadstoffe

Teil 1: Das Phänomen „Fertighaus-Geruch“: Warum Lüften nicht hilft

In den Boom-Jahren des Fertighausbaus (1960er bis 1990er Jahre) wurden von vielen Herstellern konstruktionsbedingt große Mengen Spanplatten & andere Holzwerkstoffe verbaut. Um diese vor Pilzbefall & Insekten zu schützen, kamen chemische Holzschutzmittel zum Einsatz.

Das Problem des Fertighausmiefs:

Die Bewohner selbst sind gegenüber dem miefigen Fertighausgeruch oft weitestgehend desensibilisiert & nehmen ihn nur noch nach längerer Abwesenheit wahr.

Der typische Muffgeruch entsteht nicht durch mangelnde Hygiene oder falsches Lüften, sondern durch chemisch-mikrobielle Prozesse tief im Inneren der Wandkonstruktion. Ein Überstreichen der Wände oder dauerhaft gekippte Fenster beseitigen die Ursache nicht und können meist nicht einmal die Symptome überdecken. Dauerhaft gekippte Fenster führen zudem oft nur zu unnötigem Wärmeverlust.

Fertighaus heute:


Die Problematiken der „historischen“ Fertighäuser sind die eingesetzten Materialien & die verwendeten Chemikalien!

Aber wie verhält es sich mit aktuellen Fertighäusern?

Spanplatten: Holzwerkstoffe wie Spanplatten werden auch heute noch in großem Umfang in Fertighäusern eingesetzt. Allerdings gibt es heute für den Einsatz von Formaldehyd in Spanplatten viel geringere Grenzwerte. Zumindest soweit diese aus europäischer Produktion stammen. Spanplatten aus anderen Quellen oder Recyclingholz sind eher ein Problem von Billigmöbeln fragwürdiger Herkunft.
Hier ist Recycling durchaus kritisch zu sehen! Teils werden heute mit Isocyanaten statt Formaldehyd auch andere Grundstoffe für den Kleber, der die kleinen Holzspäne zusammenhält eingesetzt. Auch Isocyanate geraten bezüglich ihrer gesundheitlichen Auswirkungen zunehmend in den Fokus.

Holz: Holz wird im Fertighaus vor allem für die Ständer/Rahmenkonstruktion & den Dachstuhl verwendet. Die heutigen Grenzwerte für den Einsatz von Holzschutzmitteln sind ein Vielfaches geringer.
Gewisse Reizstoffe wie Essig- & Ameisensäure aber auch Formaldehyd können auch heute noch belastend wirken. Gänzlich ausgeschlossen sind auch Holzschutzmittel nicht. Fragen Sie daher immer genau beim Hersteller nach & lassen Sie sich die Aussagen ggf. schriftlich geben.

Gipskarton & Co: Gipskarton ist nicht gerade ein Liebling der Baubiologie, aber größere Belastungen gehen in der Regel nicht damit einher. Für Fliesenkleber, Laminat, Vinyl, Parkettkleber etc. gilt das Gleiche wie für jedes Haus: es gibt bessere & schlechtere Produkte. Ein genauer Blick lohnt sich!“

Teil 2: Die Hauptverursacher: Chloranisole, Holzschutzmittel & Formaldehyd

Um die Belastung richtig einzuschätzen, unterscheiden wir zwischen reinen Geruchsträgern & gesundheitlich bedenklichen Schadstoffen.

Geruch ist nicht gleich Wohngift!

  • Chloranisole (Die Geruchsquelle): Chloranisole (vor allem Tetrachloranisol) entstehen, wenn Mikroorganismen wie Schimmelpilze & Bakterien die einst eingesetzten Holzschutzmittel PCP (Pentachlorphenol) & Lindan abbauen. Sie besitzen eine extrem niedrige Geruchsschwelle: Bereits kleinste Spuren in der Raumluft sorgen für den typischen, feucht-muffigen Geruch, der sich hartnäckig in Möbeln, Textilien & Kleidung festsetzt.
  • PCP, Lindan, DDT & Co. (Schwerflüchtige Schadstoffe / SVOC): PCP wurde als Pilzschutzmittel, Lindan & DDT als Insektizide genutzt. Die Stoffe verdunsten extrem langsam & können auch nach Jahrzehnten noch über die Raumluft oder den Hausstaub aufgenommen werden.
  • Formaldehyd (Flüchtige organische Verbindungen / VOC): Formaldehyd entweicht vorrangig aus den verwendeten Bindemitteln & Klebern der Holzspanplatten. Es führt häufig zu Reizungen der Atemwege & Schleimhäute. Die früher verwendeten Mengen waren so erheblich, dass auch heute – teils nach Jahrzehnten – immer noch hohe Konzentrationen in der Raumluft nachgewiesen werden können.

Wichtig:

Auch über die Jahre der Nutzung eingebrachte Schadstoffe tragen zur Gesamtbelastung bei.


Exkurs Schimmel:

Könnte der muffige Geruch auch von Schimmelbefall rühren?

Schimmelbefall ist durchaus möglich: Aus unserer Sicht gehört zu einer umfassenden Schadstoffanalyse auch immer eine Schimmeltestung.

Geruch sehr ähnlich: Chloranisole riechen nicht nur ähnlich muffig wie Schimmel, sie können auch so stark ausdünsten, dass sie einen Schimmelbefall „kaschieren“ können.

Differenzialdiagnostik: Schimmel allein ist in älteren Fertighäusern eher selten die Quelle für den muffigen Geruch. Der häufigere Fall ist ein gemeinsames Auftreten.

Teil 3: Gesundheitliche Aspekte & Wertminderung der Immobilie

Eine anhaltende Belastung der Raumluft kann sich schleichend auf das Wohlbefinden auswirken. Typische Reaktionen von Bewohnern reichen von Kopfschmerzen, Müdigkeit & Schleimhautreizungen bis hin zur Verstärkung von Alltagsallergien oder einer Multiple Chemical Sensitivity (MCS).

Gesundheit

Gesundheit ist unser wahrscheinlich wichtigstes Gut überhaupt – aber kümmern wir uns darum?

  • Formaldehyd kann zu allergischen Reaktionen, Reizungen der Atemwege & Schleimhäute, Kopfschmerzen etc. führen & ist als krebserzeugend eingestuft.
  • DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) ist ein Nervengift & steht im Verdacht, die Entstehung von Brustkrebs zu begünstigen. Es wirkt ähnlich dem körpereigenen Hormon Östrogen.
    Besonders tückisch ist die lange Halbwertszeit von bis zu 20 Jahren & die Wirkung über Generationen hinweg. Es gibt Indizien, dass DDT gerade bei Frauen auch noch in der Enkelgeneration der betroffenen Großmutter ein höheres Risiko für Fettleibigkeit bedingt.
  • Lindan (γ-Hexachlorcyclohexan) ist ein starkes Nervengift & & von der WHO/IARC als eindeutig krebserregend (Gruppe 1) eingestuft. Zunehmend diskutiert wird auch eine mögliche Mitverursachung von neurologischen Erkrankungen wie bspw. Parkinson & eine allgemeine Schwächung des Immunsystems. Ein Abbauprodukt von Lindan ist Pentachlorcyclohexen (g-PCCH).
  • PCP (Pentachlorphenol) ist vor allem durch die Holzschutzmittelprozesse der 80er Jahre bekannt. Es ist als krebserrengend bzw. krebserzeugend eingestuft & hat noch eine Reihe weiterer gesundheitlicher Auswirkungen. Hierzu zählen bspw. Schädigung des Immunsystems, Atemwegsreizungen, Kopfschmerzen, extreme Müdigkeit/Erschöpfung, Schlafstörungen, Schwindel, Schädigung von Leber & Nieren etc.
  • Asbest kann zu Asbestose, Lungenkrebs sowie Kehlkopf-, Brustfell- & Bauchfellkrebs (Mesotheliom) führen. Allerdings ist Asbest kein fertighausspezifischer Schadstoff, sondern ein Problem in vielen Häusern bis mindestens Mitte der 1980er Jahre. Restbestände wurden teils noch bis Mitte der 1990er Jahre verbaut.
    Solange Asbest fest im Bauteil bzw. Baustoff gebunden ist, geht keine besonders große Gefahr davon aus. Problematisch wird es allerdings bei unsachgemäßen Sanierungen, wenn Staub unkontrolliert freigesetzt wird.

Eine Fertighaussanierung ist leider ein sehr teures & aufwendiges Unterfangen. Zu bedenken ist immer, dass es sich um Häuser handelt, die zur Zeit ihrer Anschaffung Preise zwischen 50.000 & 150.000 DM hatten.


Gebäudewert:

Neben den gesundheitlichen Risiken stellt die Schadstoff- & Geruchsbelastung auch ein erhebliches finanzielles Risiko dar.

Wertverlust beim Wiederverkauf: Kaufinteressenten reagieren auf den typischen Geruch oft mit Absagen oder hohen Preisabschlägen.

Fehlsanierungen: Unsachgemäße Sanierungsversuche ohne vorherige Schadstoffanalyse kosten oft fünfstellige Beträge, ohne den Geruch nachhaltig zu beseitigen.

Sanierung oder Abriss: Das lässt sich pauschal nicht beantworten und bedarf für jeden Einzelfall einer genauen Analyse.

Teil 4: Baubiologische Vorgehensweise: Messung & Analyse vor Ort

Bevor Maßnahmen ergriffen werden, sollte eine fundierte Bestandsaufnahme erfolgen. Als Baubiologen setzen wir auf ein strukturiertes Prüfverfahren:

Vorgehen bei Verdacht auf Schadstoffbelastungen

Haben Sie vor, ein Fertighaus zu kaufen oder zu sanieren?

  • Erstanamnese & Vor-Ort-Begehung: Erfassung der Baualtersklasse, der Wandaufbauten & auffälliger Geruchszonen.
  • Raumluftanalyse: Zielgerichtete Probenahme auf VOC, Formaldehyd, PCP, Lindan & Chloranisole, Schimmel, Ameisen- & Essigsäure im Fachlabor.
  • Material- & Bauteilproben: Gegebenenfalls punktuelle Beprobung von Wand- & Dämmschichten zur exakten Quellortung.

Nur durch eine gezielte Schadstoffanalyse lässt sich feststellen, ob eine gesundheitlich relevante Belastung vorliegt, in welchem Umfang Sanierungsmaßnahmen anzuraten sind, oder ob günstigere Maßnahmen in Betracht kommen.

Sanierungskonzepte & Fazit

Eine erfolgreiche Sanierung richtet sich immer nach dem genauen Schadstoffbild. Die Spanne reicht von der systematischen Abdichtung bzw. Schadstoffmaskierungen, Auskleidungen mit speziellen Absorbervliesen über den partiellen Austausch belasteter Platten bis hin zu gesteuerten Raumluft- & Absaugsystemen. Auch die Möglichkeit, Wand für Wand durch Mauerwerk zu ersetzen besteht in vielen Fällen.
Es gibt eine Reihe von Maßnahmen zu denen wir Sie gerne beraten.
Ein Fertighaus aus den 70ern oder 80ern ist kein generelles K.-o.-Kriterium – setzt aber Fachwissen & eine neutrale Analyse voraus.

Sie planen den Kauf eines Fertighauses oder leiden in Ihrem Zuhause unter muffigem Geruch?
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Wichtig: Wenn Sie keine hohen 5-stelligen Beträge investieren wollen oder können, gibt es auch günstigere Maßnahmen, um die Situation zumindest teilweise zu verbessern. Das ist allemal besser, als den Kopf in den Sand zu stecken.

Schauen Sie auch in unserem DIY-Laboranalyse-Shop & in unserem Partnerbereich vorbei. Dort finden Sie unter anderem Schadstoff-Testkits zur besonders günstigen Eigenkontrolle.

Wir bei der BauBiologie Wagner unterstützen Sie dabei, die richtigen Materialien für Ihr Projekt auszuwählen, damit Ihr Zuhause ein Ort der echten Erholung wird. Einen Termin können Sie hier direkt buchen!

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann man den muffigen Geruch im Fertighaus einfach überstreichen oder weglüften?
Nein. Der typische Mief entsteht durch Chloranisole tief im Inneren der Wandkonstruktion (durch den mikrobiellen Abbau alter Holzschutzmittel wie PCP & Lindan). Lüften & Überstreichen beseitigen nicht die Ursache & mindern den Geruch bestenfalls kurzzeitig.

Sind Chloranisole im Fertighaus gesundheitsschädlich?
Chloranisole selbst wirken primär als intensive Geruchsträger, die sich hartnäckig in Kleidung & Möbeln festsetzen. Sie sind jedoch der indirekte Nachweis (oder zumindest ein sehr starker Indikator) für abgebautes PCP & Lindan – schwerflüchtige Schadstoffe, die als krebserzeugend & nervengiftig eingestuft sind.

Was kostet eine professionelle Schadstoffanalyse im Fertighaus?
Die Kosten richten sich nach dem Umfang der Laboranalysen (Raumluft-, Schimmel- & Materialproben) und sind immer individuell. Eine gezielte Erstanalyse schützt zuverlässig vor teuren Fehlsanierungen im fünfstelligen Bereich & schafft klare Verhältnisse vor Kauf oder Sanierung.

Muss ein belastetes Fertighaus aus den 60er-, 70er- oder 80er- Jahren zwingend abgerissen werden?
Nein, ein Abriss ist pauschal nicht notwendig. Je nach Schadstoffbild & Belastungsgrad reichen oft zielgerichtete baubiologische Maßnahmen wie Maskierungen, Absorbervliese, Absaugsysteme oder der partielle Austausch betroffener Wandbauteile.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Blogbeitrag dient ausschließlich der Information & ersetzt keine medizinische Diagnose oder Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Mediziner und/oder weitere Fachleute konsultieren.

Weiterführende Informationen & Fachportale

Für eine vertiefte Recherche:
Rechtliche Aspekte – Kanzlei Franz
Umweltbundesamt (UBA)
IBN – Institut für Baubiologie & Nachhaltigkeit
AGÖF – Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute e.V.

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